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Arbeitsalltag am Limit: Wie Paketboten systematisch ausgebeutet werden

09. Mai 2026

Paketboten schuften bis zu 14 Stunden am Tag und erhalten häufig weniger als den gesetzlich vorgeschriebenen Lohn

Täglich werden in Deutschland Millionen Pakete ausgeliefert. Hinter der pünktlichen Zustellung stehen oft Fahrer, die lange Schichten unter prekären Bedingungen absolvieren. Die Lage reicht von unbezahlten Ladezeiten bis zu ausgezahlten Teilen des Lohns in bar.

Ein 22 Jahre alter Zusteller aus Rumänien, hier Georgu genannt, beginnt seine Schichten regelmäßig um sieben Uhr. Vor jeder Tour verbringt er drei bis vier Stunden im Depot, um Pakete zu sortieren und in den Transporter zu laden. Diese Zeit werde nicht bezahlt, sagt er. Erst danach starte die fest geplante Route in einer Kleinstadt und dem umliegenden Umland. Um die oft mehr als 100 Sendungen pünktlich zuzustellen, sei Rennerei angesagt. Die Zustellschicht ende nicht selten erst um 17, 18 oder 19 Uhr und in Einzelfällen noch später. Rechne man die unbezahlte Ladezeit hinzu, komme er auf Arbeitstage von bis zu 14 Stunden.

Der tatsächliche Stundenlohn liege im Durchschnitt deutlich unter neun Euro. Georgu ist nicht direkt bei dem großen Paketdienstleister angestellt, sondern bei einem Subunternehmer. Mehrere befragte Fahrer berichten von ähnlichen Arbeitszeiten und davon, dass Teile der Arbeitszeit nicht vergütet würden. Manche kämen erst gegen 22 Uhr nach Hause.

Arbeitsrechtliche und soziale Dimension

Gewerkschafter machen klar, dass solche Schichten gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen. Vereinbarte Verträge nennen oft eine Wochenarbeitszeit von etwa 37,5 Stunden und Stundenlöhne nahe dem Mindestlohn. In der Praxis setzten jedoch viele Subunternehmer andere Regeln durch, sagt der Arbeitsmarktforscher Stefan Sell. Er spricht von einem Markt, in dem sich oftmals das Recht des Stärkeren durchsetze und viele Schwächere auf der Strecke blieben. «Der Mindestlohn ist ja ein Stundenlohn und den kann man nur senken, indem man Arbeitszeitbetrug macht», so seine Einschätzung.

Unterbringung und Vermittlung

Neben der Entlohnung ist auch die Wohnsituation oft problematisch. Ein weiterer Fahrer, genannt Roberto, zeigt ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, das vier Betten enthält und monatlich 450 Euro koste. Er sei über eine Agentur in Rumänien vermittelt worden und habe vorab zugesichert bekommen, nur mit einem Kollegen das Zimmer zu teilen. Tatsächlich bezeichnet er die Unterbringung als unzumutbar. Nach Angaben von Experten werden solche Vermittlungen zunehmend über fragwürdige Agenturen organisiert, die mit falschen Versprechen arbeiten und Arbeitnehmer in eine abhängige Lage bringen.

Teilweise Schwarzlohn und erzwogene Abhängigkeit

Ein weiteres Muster ist die teilweise Barauszahlung von Lohnanteilen. Mehrere Fahrer berichten, dass ein Teil des Lohnes formal überwiesen werde, der Rest jedoch in einem Briefumschlag bar ausgezahlt werde. Diese Praxis mache die Beschäftigten anfällig für Erpressung und ziehe sie in illegale Strukturen mit hinein, warnt der Sozialwissenschaftler Sell. Für die Betroffenen sei es oft die einzige Möglichkeit, schnell an Geld zu kommen.

Wirtschaftliche Ursachen und Forderungen

Brancheninterne Rechnungen zeigen, dass Subunternehmer für eine angefahrene Adresse und pro ausgeliefertem Paket oft nur geringe Beträge erhalten. Bei einer Abrechnung mit niedrigen Sätzen für Adressen und Pakete blieben bei den Subunternehmern am Monatsende nur geringe Gewinne, so die Darstellung. Vor diesem Hintergrund fordern Fachleute, das System der weiten Subunternehmerkaskaden zu beenden und die direkten Beschäftigungsverhältnisse bei großen Dienstleistern zu stärken. Nur so lasse sich nachhaltige Kontrolle und faire Bezahlung sicherstellen.

Politische Gremien haben bereits Maßnahmen diskutiert. Konkrete gesetzliche Schritte zur Reform der Vergabestrukturen und zur besseren Durchsetzung von Arbeitsrecht sind jedoch bislang nicht umgesetzt. Für viele Zusteller bedeutet das, dass der ausbeuterische Alltag vorerst weitergeht.

Der Bericht stützt eine Nachricht von: tagesschau.de
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